Der Gedanke an einen Kindergarten ohne Spielzeug mutet im ersten Moment völlig utopisch an: Betreuungseinrichtungen für Kinder werden doch gerade durch das Vorhandensein von Spielsachen als Beschäftigungsmöglichkeiten zu Orten, an denen sich die Schützlinge gerne aufhalten und ihre Zeit bis zum Mittag im besten Sinn nutzen.
Spielzeugfrei ist nicht gleichzusetzen mit einem Mangel an kindlicher Entdeckungsfreude. Das Modell aus der neuzeitlichen Pädagogik verfolgt eine andere Strategie - es soll die Kinder zurück zu ihrer alterstypischen Neugier führen, die sie zum Erkunden, Experimentieren und Kommunizieren anhält.
Interessante Produkte zum Thema
Was ist ein spielzeugfreier Kindergarten?
Bislang hatten die Kinder allerlei Spielmöglichkeiten, mit denen sie sich die Stunden bis zum Abschlusskreis versüßt haben. Jetzt sind die Räumlichkeiten in der Kita komplett spielzeugfrei - was steckt dahinter?
In Erzieherkreisen kennt man den spielzeugfreien Kindergarten als pädagogisches Konzept, bei dem für die Dauer von einem Vierteljahr keine herkömmlichen Spielsachen in den Gruppenräumen verfügbar sind. Stattdessen dienen Objekte wie Stoffe, Holz oder Haushaltsgegenstände als Alternativen. Die Gruppenleitung nimmt keinen unmittelbaren Einfluss auf das Geschehen. Sie verfolgt die Verhaltensmuster der Kinder mit, ohne ihre Ideen (z. B. aus Stoffresten eine Puppe basteln) als sinnvolle oder sinnlose Umsetzung zu beurteilen. Ein geltendes Regelwerk sorgt für eine verlässliche Struktur im Tagesablauf.
Die zeitliche Begrenztheit erlaubt es allen Beteiligten, sich selbst zu prüfen und zu überlegen, ob sich das Konzept mit Erfolg umsetzen ließ. Viele Gruppen führen die Methode im letzten Quartal vor der großen Sommerpause ein. Auf diese Weise wird ein zeitlicher Abstand eingehalten, den die Erzieherinnen und Erzieher zur Reflexion nutzen.
Ursprung und Hintergrund des Konzepts
Der spielzeugfreie Kindergarten ist eine kritische Antwort auf die Überflussgesellschaft. Die Wurzeln der Methode liegen in der bayerischen Ortschaft Penzberg. Im Jahr 1992 wurde das pädagogische Modell von Rainer Strick und Elke Schubert entwickelt. Der Zweck bestand in der Bereitstellung von alternativen Beschäftigungsideen, die den Kindern neue Spielmöglichkeiten abseits des materiellen Überflusses eröffnen sollten. Eine weitere Zielsetzung war die Stabilisierung von Kontakten innerhalb der Gruppe. Beide Grundgedanken prägen das Konzept bis heute.
Ziele eines spielzeugfreien Kindergartens
Mit dem Entfernen von Autos, Stofftieren oder Puzzlespielen soll den Kindern nicht der Spaß an den Stunden in der Betreuungseinrichtung genommen werden. Das genaue Gegenteil ist das Ziel - die Gruppenmitglieder sollen sich selbst ausprobieren dürfen und im besten Fall über ihre eigenen Ideen staunen. Dieser Überraschungseffekt stellt sich nicht selten auch bei der Gruppenleitung ein: Oft lassen sich ungeahnte Talente entdecken, an die man zuvor nie gedacht hat. Zu dieser Erkenntnis verhelfen nur die spielzeugfreien Wochen.
Vorteile und Nachteile von spielzeugfreien Kindergärten
Jeder pädagogische Ansatz ist je nach Ausgangslage in der Kindergartengruppe vorteilhaft oder mit Nachteilen verbunden. Darüber hinaus wird zwischen der Gruppe als Gesamtgefüge und den einzelnen Mitgliedern der in sich geschlossenen Gemeinschaft unterschieden.
Wenn sich die Gruppenmitglieder während des Vormittags spielzeugfrei betätigen, entdecken sie die Eigenschaften von einfachen Gegenständen aus einer neuen Perspektive. Diese Erkenntnis befähigt sie zu einer besonderen Wertschätzung von alltäglichen Dingen.
Durch die Notwendigkeit des Improvisierens sind die Kinder zum wechselseitigen Austausch aufgefordert. Frühere Konflikte lassen sich auf diese Weise bereinigen, was eine Versöhnung möglich macht. Der verbesserte Zusammenhalt in der Gruppe ist eine wesentliche Zielsetzung des Konzepts. Als Gruppenleitung hat man ein Interesse daran, die einzelnen Mitglieder zu selbstbestimmten Persönlichkeiten zu erziehen. Die Kinder dürfen nach eigenem Tempo spielen und selbst darüber bestimmen, auf welche Weise sie sich beschäftigen möchten.
In der modernen Gesellschaft beklagen viele Wissenschaftler eine Übersättigung von Reizen, denen bereits Minderjährige ausgesetzt sind. Wenn der Gruppenraum spielzeugfrei eingerichtet ist, werden die äußeren Einflüsse auf die Gruppenmitglieder besser reguliert.
Unter bestimmten Voraussetzungen ist der spielzeugfreie Kindergarten nachteilig. Oftmals entwickeln sich die hinderlichen Konstellationen im Laufe der Testphase:
Langeweile ist ein häufiges Ergebnis von fehlendem Spielzeug. Hier ist die Fantasie der Kinder ebenso ausschlaggebend wie ihre Bereitschaft, sich anderweitig zu beschäftigen. Im günstigsten Fall (der leider nicht immer eintrifft) finden die Gruppenmitglieder Ersatzbeschäftigungen oder denken sich selber Spielideen aus, die sie alleine oder mit anderen Beteiligten ausprobieren und kommen mit der neuen Situation im Gruppenraum auf Anhieb zurecht. Diese Idealvorstellung täuscht viele Erzieherinnen und Erzieher über die Tatsache hinweg, dass nicht jedes Kind über eine grenzenlose Fantasie verfügt. Beim spielzeugfreien Kindergarten sind die Gruppenmitglieder auf sich alleine gestellt. Diese neue Situation ist für viele von ihnen eine massive Umstellung, die Zeit braucht. Wer nicht sonderlich kreativ ist, verhält sich unproduktiv und empfindet die Stunden bis zum Mittag als Belastung.
Experten bemängeln sowohl die laute Geräuschkulisse als auch die bewusste Zurückhaltung der Gruppenleitung, die nur im äußersten Notfall eingreift. Das soziale Gefüge in der Gruppe hat ebenfalls Auswirkungen auf die einzelnen Beteiligten. Zurückhaltende Kinder sind auf die der Erzieherin oder des Erziehers angewiesen. Beim spielzeugfreien Kindergarten ist die Gruppenleitung nur passiv anwesend, was gerade für unsichere Mitglieder ein Problem darstellt. Sie müssen sich entgegen ihrer Gewohnheiten und ihres Naturells gegen andere Kinder durchsetzen, was sie nicht stärker macht, sondern verunsichert.
Ablauf und Umsetzung im Alltag
Beim ersten Mal sollte die Gruppenleitung den Anwesenden erklären, was sich in den kommenden Wochen ändern wird. Vor der Einführung des Konzepts über mehrere Monate empfiehlt sich ein Probetag. An diesem Tag lernen die Kinder das Prinzip des spielzeugfreien Kindergartens kennen. Am Ende entscheidet die Gruppenleitung nach reiflicher Überlegung, ob sich eine längere Phase ohne Spielsachen bewährt hat.
Die Gruppenleitung macht den Raum alleine oder mit Kolleginnen und Kollegen spielzeugfrei. Der Begriff der spielzeugfreien Kita lässt sich weit fassen, indem alle Gruppen an dem Projekt mitmachen.
Als Ersatz für die Spielsachen halten Gegenstände oder Rohstoffe natürlichen Ursprungs her. Sie animieren die Kinder zum Basteln und Erforschen. Darüber hinaus dürfen sich die Gruppenmitglieder gemeinsam Spiele überlegen, für die kein oder nur wenig Zubehör erforderlich ist.
Am Ende des Projekts beratschlagen sich die Erzieherinnen und Erzieher über den Ablauf der zurückliegenden Wochen: Hat das Konzept auf Anhieb funktioniert oder war die Umsetzung komplizierter als erwartet? Das Resümee bildet den Abschluss der spielzeugfreien Zeit im Kindergarten.
Spielzeugfreier Kindergarten - FAQs
1. In welchem Alter sind die Kinder für die Methode noch zu jung?
Krippenkinder werden von fehlenden Spielsachen noch überfordert. Vor dem Eintritt in die Kita ist das Verfahren nicht angezeigt. Der spielzeugfreie Kindergarten sollte frühestens im ersten Kindergartenjahr in Erwägung gezogen werden.
2. Benötige ich das Einverständnis der Erziehungsberechtigten?
Kritische Eltern stehen dem Modell mit Vorbehalten gegenüber. Sie befürchten, dass das Konzept weniger zum Wohl der Kinder, sondern zu Forschungszwecken der Pädagogen eingesetzt wird. Hier kann die Gruppenleitung beim nächsten Elternabend Aufklärungsarbeit leisten und den Anwesenden die Methode anhand von Beispielen erklären. Oft hilft dieses Wissen, Vorurteile abzubauen. Die Erziehungsberechtigten müssen der Durchführung dennoch zustimmen.
3. In meiner Gruppe erweist sich die Durchführung des Konzepts als problematisch. Ist es möglich, die Dauer des Zeitraums zu verkürzen?
Wenn es die Umstände aus unterschiedlichen Gründen nicht zulassen, darf die Vorgabe einer Zeitspanne von 3 Monaten gelockert werden. Der Kindergarten darf im Ausnahmefall auch nur für 2 Monate spielzeugfrei sein.
4. Dürfen die Kinder ihre eigenen Spielsachen mitbringen?
Während der spielzeugfreien Wochen sollte komplett auf konventionelle Spielgeräte verzichtet werden. Dazu zählt auch das private Eigentum. Nach dem Ablauf der 3 Monate dürfen die Gruppenmitglieder ihr Spielzeug wieder mitbringen.
5. Das Vierteljahr ist vorbei. Ich für meinen Teil bin mit dem Ablauf sehr zufrieden. Wie kann ich mir von den Gruppenmitgliedern eine ehrliche Meinung einholen?
Die Mitglieder der Kindergartengruppe sind die Hauptpersonen bei der Durchführung und Auswertung des pädagogischen Ansatzes. Als Gruppenleiterin oder Gruppenleiter sollte man die Kinder beim Morgenkreis ausdrücklich danach fragen, wie sie mit der spielzeugfreien Phase zurechtgekommen sind.
Fragen an die Gruppe:
- Wie haben euch die letzten Wochen gefallen?
- Was lief eurer Meinung nach gut?
- Was hat nicht so gut funktioniert?
- War euch oft langweilig?
- Was habt ihr gemacht, als euch langweilig war?
- Sollen wir die spielzeugfreie Zeit zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen?
Jedes Kind darf sich frei äußern. Die Anwesenden müssen an dem Konzept keinen Gefallen finden. Kritische Rückmeldungen aus der Gruppe sind auf jeden Fall erlaubt. Es ist auch keine Notwendigkeit, dass die letzten Monate vollkommen problemlos verlaufen sind. Ein holpriger Start oder kreative Durststrecken gehören gerade beim ersten Mal dazu. Die Antworten werden von der Gruppenleitung im Kopf behalten oder direkt zu Papier gebracht. Sie helfen bei der Planung von zukünftigen Projekten, bei denen für einen mehrwöchigen Zeitraum auf Spielzeug verzichtet wird.
Fazit - spielzeugfrei und Spaß dabei!
Wer sich unter einem spielzeugfreien Kindergarten einen traurig-tristen Ort vorstellt, sollte diesen Beitrag ein zweites Mal lesen. Spielzeugfrei bedeutet nicht freudlos: Mit dem Fehlen der Spielsachen werden die Gruppenmitglieder dazu ermutigt, selbst kreativ zu werden und ihre Ideen in Form von Bastelarbeiten oder improvisierten Spielen umzusetzen. Eine Förderung von individuellen Fähigkeiten wird bereits in der Kita vorgenommen. Während der spielzeugfreien Phase kommen die Begabungen der Kinder besonders deutlich zum Tragen. Die Gruppenleitung stellt mitunter Interessen bei ihnen fest, die ihr bislang nicht aufgefallen sind.
Nina K., 27.04.2025
Zur Autorin: Mein Name ist Katharina und ich bin seit dem Jahr 2018 als freiberufliche Autorin tätig. Zuvor habe ich mein Studium in Anglistik und Philosophie erfolgreich abgeschlossen. Das Verfassen von Artikeln für Lehrerblogs zählt nicht nur zu meinen grundlegenden, sondern auch zu meinen liebsten beruflichen Aufgaben. Mir macht es viel Freude, sowohl Lehrkräften als auch Schülerinnen und Schülern nützliche Ratschläge für den Alltag 'vor der grünen Tafel' an die Hand zu geben. Meine Themenschwerpunkte reichen von Hilfestellungen für die Organisation über Tipps für eine gelungene Unterrichtsführung bis hin zu Gedanken über Werte wie Empathie und Mitgefühl – sie ermöglichen nicht nur in der Schule ein harmonisches Miteinander.